Schrei der Verzweiflung – Hoffnung und Glaube im Bergbau

Abb. 1: Bauer aus dem Dorf Guanyayao, Wuhai, Innere Mongolei, Juli 1995. Lu Guang, © Contact Press Images.

Die Kohleproduktion hat nicht nur Auswirkungen auf Natur und Umwelt, auch die Menschen haben mit den damit einhergehenden harten Lebens- und auch Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Die soziale Realität vieler Menschen befindet sich an der Armutsgrenze. Sie sind verzweifelt, ängstlich und sehen keinen Ausweg. Die in der industriellen Produktion arbeitenden Menschen befinden sich in einem Spannungsverhältnis zwischen gesundheitlichen Gefahren, höchster körperlicher Belastung, den prekären Arbeitsbedingungen auf der einen und der finanziellen Notlage, der Sorge um die Zukunft auf der anderen Seite.

 

Lu Guang hat dieses Dilemma auf dem abgebildeten Foto eingefangen. Der Gesichtsausdruck dieses Mannes verbildlicht einen Schrei aus dem tiefsten Innern, der Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Schmerz ausdrückt. Er hat erfahren, dass sein Sohn bei einem Grubenunglück ums Leben kam und stößt bei der Suche nach Verantwortlichen auf Widerstand (Badelt/Pledge, 2021, S. 40ff.). Grubenunglücke sind keine Seltenheit und nicht nur chinesische Bergleute sind von den hochriskanten Arbeitsbedingungen betroffen.

 

Der Bergbau ist ein Arbeitsbereich, der ein erhöhtes Gefahrenrisiko birgt, mit vielen Todesfällen verbunden ist und dadurch auch viele Emotionen hervorruft. Neben den negativen Emotionen wie Unsicherheit, Angst und Schmerz verbindet viele Bergleute auch Hoffnung. Dies können kleine Hoffnungen sein: Dass der morgige Tag besser wird, man eine warme Mahlzeit zu sich nimmt oder die Familie nach einem langen Arbeitstag zu Hause Trost spendet. Aber besonders die großen Hoffnungen treiben viele Menschen voran: Die Hoffnung auf ein besseres Leben, auf Glück, Gesundheit oder ein gutes finanzielles Auskommen. Im Falle des verzweifelten Mannes auf dem Bild könnte eine kleine Hoffnung darin bestehen, Antworten auf die Fragen nach den Umständen des Unglücks zu finden, seine große Hoffnung könnte es sein, dass sich in Zukunft die Arbeitsbedingungen verbessern und Grubenunglücke somit verhindert werden können.

 

Gemeinsam ist diesen Hoffnungen, dass die Erfüllung (oder Nicht-Erfüllung) der Hoffnungen in der Zukunft liegt und sie tief in den Gedanken der Menschen verankert sind. Viele teilen ihre Hoffnungen in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten, die entweder ein ähnliches Schicksal erleiden oder sich an gemeinsamen Ankern festhalten. Diese Gemeinschaften sind häufig tief mit Traditionen verwurzelt und scheinen ein adäquates Hilfsmittel in diesem Spannungsverhältnis zu sein. Sie finden sich einerseits in der Kameradschaft und Solidarität der Bergleute untereinander, andererseits aber auch in dem Suchen nach und Finden von Glauben und Spiritualität. Denn gerade wenn die eigenen Hoffnungen nicht durch weltliche Ressourcen oder Handlungen zu erfüllen sind, bietet der Glaube für viele Bergleute einen Hafen der Hoffnung. Dieser Glaube kann sich in religiösen Gemeinschaften manifestieren, die gemeinsam beten, sich gegenseitig unterstützen, Schutz bieten und Mut machen. Er kann sich aber auch auf konkrete Figuren projizieren, die durch ihre Taten, durch Legendenbildung und Mythen zu Heiligen geworden sind und verschiedenen Personen- oder Berufsgruppen Schutz bieten.

 

In der bergbaulichen Arbeits- und Lebenswelt Europas spielt die Schutzheilige Barbara eine besondere Rolle. Sie gilt seit dem Mittelalter als die Bewahrerin vor dem Tod, als Spenderin des letzten Sakraments, als Retterin aus Not und Bedrängnis und als Beschützerin vor Unfällen und Katastrophen. Da die Bergarbeit mit vielen Gefahren behaftet war, wurde sie als Schutzpatronin verehrt (Heilfurth 1956/57, 5).

Abb. 2: Barbara-Sammlung der Nemitz-Stiftung im Deutschen Bergbau-Museum Bochum. Foto: Helena Grebe

Doch wie kann das Festhalten an Religiosität, der Glaube an die Bergbauheilige Barbara, die negativen Gefühle einerseits und die Hoffnung andererseits in Einklang bringen? Um diese Frage zu beantworten, müssen verschiedene Ebenen in den Blick genommen werden: Die psychologische, die soziale, aber auch die kulturelle (Burke 2012, 207f.). Diese Schritte sollen am Beispiel der Bergleute durchgegangen und in Bezug auf den Glauben an die Bergbauheilige Barbara eingeordnet werden. Auf psychologischer Ebene stellt der Philosoph Patrick Shade heraus, dass Hoffnung von sozialen Einflüssen durchdrungen ist und der jeweilige Gegenstand der Hoffnung durch die Dynamik des breiteren sozialen Kontextes, in dem gehandelt wird, bestimmt wird. Hoffnung breitet sich demnach durch eine ansteckende soziale Qualität aus, sie ist damit jedoch keine geheimnisvolle Kraft, sondern entwickelt sich anhand von Aktivitäten und wird von zwischenmenschlichen Beziehungen genährt (Shade 2001, 198f.).

 

Laut Shade hängt der Gegenstand unserer Hoffnungen von den jeweiligen materiellen und immateriellen Bedürfnissen und Ressourcen ab, ebenso bestimmen unsere moralischen und religiösen Werte die spezifische Form unserer Hoffnungen (Shade 2001, 2). Mit Blick auf die soziale Ebene und das Leben der Bergleute stehen hier, wie eingangs erwähnt, die prekären Arbeitsbedingungen, die gesundheitlichen und finanziellen Risiken und die Sorge, die Familie nicht ernähren zu können, im Vordergrund. Ein wichtiger kultureller Anker für die Bergleute waren Traditionen, der Glaube und die Religion, die viele Familien verband.

 

Ein Blick auf die Geschichte der Schutzheiligen Barbara zeigt, wie die drei genannten Ebenen verbunden werden können: Der Glaube an die Heilige Barbara ist in materiellen und kulturellen Hinterlassenschaften in Form von Festen, Ritualen, Bräuchen, Liedern und Sagen in der sozialen Gemeinschaft der Bergleute, nicht nur im Ruhrgebiet, sondern in den Bergbauregionen ganz Europas, verankert (Heilfurth 1956/57, 4f.). Die im Deutschen Bergbau-Museum Bochum ausgestellte Barbarasammlung der Stiftung Nemitz ist ein eindrückliches Zeugnis dieses Kults um die Schutzheilige. Durch die Zuwanderung im Zuge der Industrialisierung wurde das Barbarabrauchtum ins Ruhrgebiet gebracht und Kirchen, Krankenhäuser, Apotheken und Schulen wurden nach der Heiligen Barbara benannt. Um 1900 entstanden auch zahlreiche Gemeinschaften und Vereine, wie die Barbara-Knappenvereine, die sich für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen der Bergleute einsetzen (Heilfurth 1956/57, 46f.).

 

Es ist also der Glaube mehrerer Personen an dieselbe Sache, der eine soziale Verbundenheit schafft, Aktivitäten ermöglicht und zwischenmenschliche Beziehungen herstellt. Zusätzlich teilen die Personen der Vereine auf sozialer Ebene ähnliche Bedürfnisse, Ressourcen und Werte, und somit den Gegenstand ihrer Hoffnungen. So kann durch den gemeinsamen Glauben an die Schutzheilige, der die Gemeinschaft auf kultureller Ebene vereint, Hoffnung entstehen, gestärkt werden und sich im Kollektiv ausbreiten.

 

 

Das Beispiel der Schutzheiligen Barbara zeigt, dass das Festhalten an Religiosität negative Emotionen und Hoffnung in Einklang bringen kann. Durch den Glauben wird eine Gemeinschaft gebildet, die Trost spendet und Hoffnung durch die Dynamik der Gruppe stärkt.

Literatur

Badelt Sandra; Pledge, Robert (Hg.): Lu Guang. Black Gold and China, Bochum: Deutscher Kunstverlag, 2021.

 

Burke, Peter: Does Hope Have a History?, in: Estudos Avançados 26/75 (2012), S. 207–218.

 

Heilfurth, Gerhard: Barbara als Berufspatronin des Bergbaues, in: Zeitschrift für Volkskunde 53 (1956/57), S. 1–64.

 

Shade, Patrick: Habits of Hope. A Pragmatic Theory, Nashville: Vanderbilt University Press, 2001.

Autorin

Leonie Schminke, Studium der Public History im Master of Arts an der Ruhr-Universität Bochum.

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