Natur als Heimat oder als Ressource? Spannungen im Mensch-Natur-Verhältnis am Beispiel der Romantik

Abb. 1: Geschmolzenes Eisen. Lu Guang, © Contact Press Images.

Auf Lu Guangs Darstellung eines Roheisenofens in Jingdian in der Provinz Hebei fließt geschmolzenes Eisen über erkaltete Asche in eine Wasserpfütze. Eingefangen wird ein industrieller Prozess, dessen Bildsprache jedoch noch ganz andere Assoziationen aufruft: Glühende Lava, die über einen Vulkanhang fließt. Dieser Bildausschnitt symbolisiert für mich deshalb das ambivalente und komplexe Verhältnis zwischen menschlicher Technik und natürlichen Prozessen. Wie dachten und denken die Menschen ihre Existenz und ihre kulturellen Hervorbringungen im Verhältnis zur Natur? Wurde der Mensch als Teil der Natur verstanden oder steht er außerhalb von ihr? Werden Kultur und Natur als Gegensätze gedacht oder ergänzen sie sich? Ist der Mensch Herrscher über die Natur oder wird er von ihr beherrscht?

 

Solche Fragen beschäftigten Menschen schon immer und jede Epoche hat ihre eigenen Ansätze und Antworten gefunden. Die industrielle Revolution wird dabei gemeinhin als Zeitalter einer Entfremdung von der Natur charakterisiert: Ein ökonomisch-technischer Blick auf die Natur als passive Ressource löste eine ältere Vorstellung einer organischen Einheit ab (Merchant, 2020). Doch gerade der Blick auf die Wissenschaft und Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts zeigt, dass diese Entfremdungsgeschichte weit komplexer und nuancierter ist. Das Denken und literarische Schaffen von Autor*innen der Romantik etwa ist einerseits verwurzelt in der Industrialisierung, gleichzeitig aber auch von Traditionen beeinflusst, die viel weiter zurückreichen.

 

Der in der stoischen Philosophie verwurzelten Vorstellung einer vollständigen und perfekten Natur, die keiner Technik des Menschen bedarf, stellte sich im christlich geprägten Mittelalter die Idee von einer notwendigen Beherrschung der Natur entgegen (Böhme 1988, S. 1). Um wieder in einen paradiesischen Zustand zurückversetzt werden zu können, musste die unvollkommene Natur durch den Menschen unterworfen, gebändigt und durch Technik perfektioniert werden. Gleichzeitig war die Vormoderne jedoch bis weit ins 18. Jahrhundert hinein auch durchdrungen von kosmologischen Vorstellungen, die in der Natur ein organisches Ganzes sahen und die Erkenntnisse über den menschlichen Körper auf die Natur übertrugen, und zwar auch auf die Teile der Natur, die von uns heute als unbelebt angesehen werden.

 

Die „Eingeweide der Erde“ waren damals nicht nur eine Metapher, sondern auch reale Erklärungsgrundlage: Erze wurden als Adern des Berges angesehen, das taube Gestein als Skelett und der Boden als die Haut. Leonardo da Vinci (1452–1519) schrieb in Bezug auf das Wasser: „Das Wasser strömt von den Flüssen in das Meer und von dem Meer in die Flüsse und beschreibt dabei stets denselben Kreislauf. Das Wasser wird aus der tiefsten Tiefe des Meeres bis zu den höchsten Gipfeln der Berge gehoben, wo es, seine Adern aufgeschnitten findend, sich ergießt und in das Meer nach unten zurückkehrt, wiederum durch die verzweigten Adern emporsteigt und wieder zurückfällt – kommend und gehend zwischen hoch und niedrig, manchmal innen, manchmal außen. Es tut wie das Blut von Tieren, das stets in Bewegung ist, ausgehend vom Meer des Herzens und emporsteigend zum Gipfel des Kopfes.“ (Merchant, 2020, S. 62).

 

Man ging außerdem davon aus, dass Metalle sich gegenseitig befruchten können und ebenso waren sie in der Lage sich nach dem Abbau wieder zu regenerieren. Die Texte von Naturphilosophen und gebildeten Handwerken aus jener Zeit zeugen davon, dass die Erkenntnisse über den menschlichen Körper und den Erdenleib eng miteinander verflochten waren (für Beispiele siehe Bredekamp, 1981).

Abb. 2: Michael Maier, Nutrix Terra, in: ders., Atalanta Fugiens, hoc est, Emblemata Nova De Secretis Naturae Chymica, Oppenheim: Theodor de Bry, 1617, S. 17. Staatsbibliothek zu Berlin. Public Domain Mark 1.0. URL: http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB00024B5000000000

Das Aufkommen eines mechanistisch geprägten Weltbilds im Europa des 17. Jahrhunderts, dem im 18. und 19. Jahrhundert die industrielle Revolution folgte, stellt für viele Autor*innen ein Bruch in der Geschichte des menschlichen Denkens über die Natur dar. Laut Carolyn Merchant veränderten die Menschen ihre Ansicht über die Natur und nahmen sie fortan vor allem als Ressource und unbelebte Materie wahr: „In dem Maße, wie der organische Kosmos des 16. Jahrhunderts in das mechanistische Universum des 17. verwandelt wurde, gab man seine innere Kraft und Lebendigkeit preis und sah nunmehr eine von toter, passiver Materie erfüllte Welt.“ (Merchant, 2020, S. 147).

 

Es wird hier vor allem Bezug genommen auf Philosophen der Aufklärung wie René Descartes (1596-1650) und die aufstrebenden Naturwissenschaften, die sich den organischen Vorstellungen über die Natur entgegenstellten und ein mechanistisches Weltbild vertraten. Der Siegeszug dieses mechanistischen Weltbildes „beseitigte die Hemmschwellen gegen die Umweltausbeutung, die wesentlicher Bestandteil der organischen Naturauffassung gewesen waren“, was moralisch den Weg für die industrielle Revolution ebnete (Merchant, 2020, S. 153).

 

Natürliche Prozesse konnten nun künstlich reproduziert werden, um sie schneller, ertragreicher und effizienter zu machen. Warum auf natürliche Transformationsprozesse warten, wenn man das Eisen auch selbst schmelzen kann? So kam es zu einer Entfremdung der Menschen von der Natur, vor allem auch durch die Abgrenzung von Kultur und Technik von der Natur. Rückblickend kann man heute schnell den Eindruck gewinnen, dass mit der Industriellen Revolution das technisch-ökonomische Verständnis der Natur alle Lebensbereiche durchzog und auf keinen Widerstand stieß. Und auch heute stellt das mechanistische Weltbild und der Kontrast von Natur und Kultur immer noch ein fundamentales Strukturprinzip unseres modernen Selbstverständnisses dar.

 

Ein genauer Blick auf die wissenschaftliche und literarische Produktion seit dem 18. Jahrhundert zeigt jedoch, dass diese Trennung zwischen Mensch und Natur und die Verwandlung vom Organismus in eine Maschine niemals so rigide erfolgte, wie es diese Erzählung suggeriert. Denn auch in der Hochphase der Industrialisierung und der mechanistischen Philosophie gab es nuanciertere Positionen, zum Beispiel in der Romantik. Dichter*innen priesen die Schönheit der Natur und verstanden sie eben nicht als passive Ressource, sondern als ein beseeltes Gegenüber. In Rückbezug auf die antiken Vorstellungen wollten Denker wie Goethe, Humboldt und Schelling der innewohnenden Harmonie der Natur auf die Spur kommen – in Humboldts Fall mit der Hilfe von neu entwickelten Instrumenten, in Goethes Fall durch reine Beobachtung mit dem menschlichen Auge (Steigerwald, 2000).

 

Eine*r der wichtigsten Autor*innen der frühen Romantik war Novalis. In seinem kurzen Leben (Novalis starb mit 28 Jahren an Tuberkulose) verfasste er nicht nur zahlreiche Gedichte und literarische sowie philosophische Texte, sondern studierte auch an der Bergakademie in Freiberg verschiedene Naturwissenschaften sowie Mineralogie und Bergwerkskunde und arbeitete danach als Assessor in der Salinenindustrie (Rigby, 2017, S. 10). Vor diesem Hintergrund verbindet Novalis in seinen Werken naturwissenschaftliche Forschung, philosophische Reflexion, literarische Einbildungskraft und sozioökonomische Entwicklungen (Rigby, 2017, S.11). Seine literarischen Werke lassen Freiraum für unterschiedliche Interpretationen, von denen neuere die Bedeutung von nicht-menschlichen Akteueren in den Vordergrund stellen. Die Literatur- und Umweltwissenschaftlerin Kate Rigby weist außerdem auf den Gedanken einer Vereinigung von allen Wesen und Erscheinungen der Natur hin, die Novalis vermutlich für den Schluss seines Romans „Heinrich von Ofterdingen“ geplant hatte. Mit diesem Grundgedanken kann die „Erziehung der Natur“ nur erfolgreich sein, wenn der Mensch wieder lernt, die „innere Musik“ der Natur zu hören und ihre geheimen Zeichen zu verstehen. Durch eine solche Deutung, die mit modernen Konzepten von vernetzten Ökosystemen und der Notwendigkeit von einem nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressourcen in Verbindung gebracht werden kann, zeigt sich die Relevanz von romantischen Vorstellungen zum Mensch-Natur-Verhältnis für den heutigen Umgang mit der Natur.

 

Literatur

Böhme, Hartmut: Natur und Subjekt, Frankfurt am Main: Suhrkamp (1988), S. 67-144.

 

Bredekamp, Horst: „Die Erde als Lebewesen“, in: Kritische Berichte, 9, 4/5 (1981), S. 5-37.

 

Merchant, Carolyn: Der Tod der Natur: Ökologie, Frauen und neuzeitliche Naturwissenschaft, München 2020 [engl. Original 1980].

 

Rigby, Kate: „›Mines aren´t really like that‹: German Romantic undergrounds revisited“, in: Heather Sullivan und Caroline Schaumann (Hg.): German ecocriticism in the Anthropocene. New York: Palgrave Macmillan (2017), S. 111-128.

 

Steigerwald, Joan: „The Cultural Enframing of Nature: Environmental Histories during the Early German Romantic Period“, in: Environment and History 6, 4 (2000), S. 451-496.

Autorin

Vera Straetmanns, Studium des Masters of Arts „History, Philosophy and Culture of Science“ (HPS+) an der Ruhr-Universität Bochum.

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