Energiegewinnung und ihre Effekte

Abb. 1: Kraftwerk Guohua, Xuejiawan, Jungar Banner, Ordos, Innere Mongolei, November 2011. Lu Guang © Contact Press Images.

Ein typisches Bild eines Kraftwerkes: Grauer Wasserdampf steigt aus den Kühltürmen empor. Letztere sind wohl die markantesten Gebäude eines Kraftwerkes und sind bereits aus der Ferne erkennbar. Hier wird Kohle verbrannt. Die dabei entstehenden Gase steigen in die Atmosphäre auf, darunter vor allem das Treibhausgas Kohlenstoffdioxid, kurz CO2, ein Hauptverursacher des Klimawandels.

 

Kein Wunder also, dass ein Ausstieg aus der Kohleindustrie immer stärker zur Notwendigkeit wird. Doch Kohleenergie macht immer noch einen Großteil der gesamten Energiegewinnung aus und wird auch auch noch lange eine wichtige Energiequelle bleiben. Hinzu kommt, dass bei wachsender Digitalisierung immer mehr Strom benötigt wird. Alternativen sind also nötiger denn je, um die seit der Industrialisierung vorherrschende Energiegewinnung aus Kohle zu ersetzen. Aktuell wird sogar über eine Rückkehr zur Kernenergie diskutiert, ja sie wird sogar für „grün“ erklärt. Um der Frage nachzugehen, wie ‚grün‘ die Alternativen zu fossilen Brennstoffen sind, lohnt es sich, einen Blick auf die vorindustriellen Energieformen zu werfen.

 

Vor der Industrialisierung war Wasser die zentrale Energieressource. Im 18. Jahrhundert existierten um die 500.000 bis 600.000 Wasserräder in Europa. Im 19. Jh. war das Wasserrad auch aus Fabriken nicht wegzudenken und auch bis ins 20. Jh. hinein fand Wasserkraft noch viel Anwendung. Heutzutage ist sie vor allem im Gespräch, weil sie eine CO2-neutrale Alternative ist.

Doch die Gewinnung von Wasserkraft führte auch zu Umweltfolgen. Wichtige Ökosysteme wurden angegriffen, wenn beispielsweise Gebiete trockengelegt oder durch einen Kanal gespalten wurden. Auch konnten durch Wasserräder und Dämme die Flüsse so stark verlangsamt werden, dass sich starke Ablagerungen und Anstauungen bilden konnten. Aber auch für die Tiere, die an und in den Gewässern lebten, hatte es Folgen: Nicht nur wurden sie bei Kontakt mit den Wasserrädern verletzt oder getötet, die Nutzung der Wasserkraft konnte sich auch auf ihre Population auswirken.

Abb. 2: Cornelis Saftleven, Watermolen, 1617 – 1681, Rijksmuseum Amsterdam. Public domain. URL: http://hdl.handle.net/10934/RM0001.COLLECT.60420

Auch während der Industrialisierung tauchten diese Probleme in historischen Quellen auf. Ein Beispiel ist die Veränderung der Wanderwege von Fischen (vor allem Lachsen, Aalen und Forellen) aufgrund von Wasserbau um 1900 (Zumbrägel 2021). Während der Frühindustrialisierung, als immer mehr Wasserkraftbetriebe an die Ströme gebaut wurden, gab es bereits erste Überlegungen, Wasserkraft zu nutzen und gleichzeitig die Wanderung von Fischen zu ihren Laichplätzen weiterhin zu ermöglichen. Die Absicht dahinter war weniger die Fische zu schützen, sondern vor allem die Fischerei nicht groß zu beeinträchtigen, die durch den Ausbau der Wasserinfrastruktur geschädigt wurde. Die Technik der Fischwege, in welchen die Fische den Staudamm nicht steil herunterfielen, sondern über mehrere Stufen langsamer heruntergeführt wurden und auf dem Rückweg stufenweise wieder hinauf schwimmen konnten, erwies sich allerdings als ineffizient und von den Fischen wenig genutzt. Nicht nur aus heutiger Sicht, sondern auch schon zu damaligen Zeiten gab es Kritik an der Fehlerhaftigkeit der Fischwege. Zu gering war das Wissen über die Veranlagungen der Wanderfische.

 

Die Interaktion zwischen Tier und Technik war in den verschiedenen Lebensräumen der Fische und je nach Fischgattung sehr unterschiedlich. Nicht jeder Fisch reagiert gleich auf Technik. Andersherum muss die Technik an die jeweiligen Fische angepasst sein, um möglichst reibungslos zu funktionieren. Aufgrund von Ineffizienz und dem Eigenverhalten der Fische waren Modifikationen ständig nötig. Um größere wirtschaftliche Verluste zu vermeiden, wurden neben den Fischwegen auch Schonreviere und -zeiten festgelegt sowie Schutzgitter vor die Wasserräder (und später Turbinen) angebracht.

 

Allerdings konnten die Folgen der Wasserinfrastruktur auf das Ökosystem der Flusslandschaften damit nicht aufgewogen werden. Ein Großteil der Konstruktionen wies Mängel auf und fehlende Kontrollinstanzen über die richtige Umsetzung der Fischwege fehlte ebenfalls. Trotz Gegenbemühungen konnte nie ein zufriedenstellendes Ergebnis erreicht werden, weil der wirtschaftliche Faktor immer eine größere Rolle spielte als der ökologische. Den verschiedenen Interessen wurde das Überleben der Fische untergeordnet. Sie wurden nicht als Teil eines komplexen Systems betrachtet, sondern als wirtschaftliches Nutztier, dessen Wanderungen Probleme bereiteten.


Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass auch die Energiegewinnung aus Wasserkraft, Umwelt und Ökosysteme stark beeinflusst hat. Dabei ist die direkte Energiegewinnung weniger das Problem, sondern vielmehr ihre Effekte auf Landschaften und Lebewesen. Damit stellt sich abschließend nicht nur die Frage, ob es überhaupt eine ‚grüne‘ Lösung gibt, oder nicht jede Art der Energiegewinnung mit Folgen für uns und die Umwelt behaftet ist, sondern vor allem die Frage: Anhand welcher Kriterien beurteilen wir, welche Lösung ‚grün‘ und zukunftstauglich ist und wie gewichten wir die kurz-, mittel- und langfristigen Folgen?

Literatur

Balat, Mustafa: „Usage of Energy Sources and Environmental Problems“, in: Energy Exploration & Exploitation 23 (2005), S. 141-167.

 

Blickle, Paul, Moritz Klack, Gunnar Köhne, Steffen Richter, Julian Stahnke, Julius Tröger, Julia Wadhawan, Ning Wang und Zacharias Zacharakis, Thomas Roser, Belgrad, Julia Jaki: „Wir schalten ab, sie heitzen hoch“, in: Zeit Online, 13.12.2021 URL: https://www.zeit.de/wirtschaft/2021-12/kohlekraftwerke-co2-emissionen-kohlestrom-klimawandel (Stand, 24.1.2022).

 

Haidvogl, Gertrud, Richard Hoffmann, Dider Pont, Mathias Jungwirth, Verena Winiwarter: „Historical Ecology of Riverine Fish in Europe“, in: Aquatic Sciences 77 (2015), S. 315–324.

 

Malm, Andreas: Fossil Capital: The Rise of Steam Power and the Roots of Global Warming, London, New York: Verso (2016).

 

Munro, John. H.: „Industrial Energy from Water-Mills in the European Economy, 5th to 18th Centuries. The Limitations of Power“, in: Economia E Energia Secc. XIII-XVIII 34 (2002), S. 223–269.

 

Walter, Robert C., Dorothy J. Merritts: „Natural Streams and the Legacy of Water-Powered Mills“, in: Science 319 (2008), S. 299-304.

 

Zumbrägel, Christian: „Der Lachs auf der Leiter. Fischwege und Fischwanderungen an norddeutschen Flüssen um 1900“, in: Traverse 2 (2021), S. 71-89.

Autor

Tristan Scheuer studiert Geschichte und Germanistik im Bachelor an der Ruhr-Universität Bochum.

 

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