Knappschaften: Ursprung des Sozialsystems in Deutschland

Abb. 1: Opfer des Bergbauunglücks in der Zeche Chenjlashan. Tonguchuan, Provinz Shaanxl, 2. Dezember 2004. Lu Guang © Contact Press Images.

Mehrere Verstorbene sind aufgebahrt und mit Leichentüchern bedeckt, so zeigen sich eindrücklich die gravierenden Folgen, welche die gesundheitliche und körperliche Belastung der Bergarbeiter auch heute noch mit sich bringt: Tod, Krankheit und Zerfall, die negativ konnotierten Begleiter des Lebens. Die gesundheitlichen Auswirkungen der Arbeit unter Tage auf die Bergleute sind jedoch ein Thema so alt wie der Bergbau selbst. Dauerhafte Schädigungen der Organe, insbesondere der Lunge, und Verlust von Körperteilen oder gar des Lebens aufgrund von Unfällen, waren und sind dieser Arbeit nicht fremd.

 

Heute sind die Arbeiter unter und über Tage in Deutschland durch ein umfassendes Sozialsystem geschützt. Doch wie lassen sich die Entwicklungen zu diesem im deutschsprachigen Raum nachzeichnen? Unser Sozialsystem mit Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung findet seinen Ursprung in der gefährlichen Arbeit der Bergarbeiter. Im Mittelalter waren die viele Berufsgruppen in einem festen Bezugsrahmen, den Zünften oder Gilden organisiert. Für Bergarbeiter galt dies nicht. Sie waren sehr mobil und zogen häufig von einer prosperierenden Bergbauregion in die nächste, wenn sie dort bessere Arbeitsbedingungen antrafen (Sahmland 1987, 32).

 

Die Verantwortung für die Heilung von Kranken bzw. die Pflege von Verletzten lag im Mittelalter in kirchlicher Hand. So wurde auch die erste urkundlich belegte soziale Absicherung für die Bergleute am Rammelsberg bei Goslar, in Form eines Zusammenschlusses von Bergarbeitern, der sogenannten „Bruderschaft“, durch einen Bischof im 13. Jahrhundert legitimiert und geschützt (Bingener 2010, 52). In dieser lateinischen Urkunde steht geschrieben, dass die Bruderschaft die Aufgabe hatte, die Armen und Behinderten zu pflegen, welche durch die Arbeit im Bergwerk „von der Gebrechlichkeit des Körpers und dem Mangel an Dingen überwältigt wurden“ (Sahmland 1987, 32). Für die folgenden zwei Jahrhunderte lässt sich urkundlich belegen, dass sich in den deutschen Bergbaugebieten weitere Vereinigungen bildeten, welche die Bergmänner in solchen Fällen pflegten und unterstützten: Die Knappschaften.

Abb. 2: Knappschaftsspital, Schwazer Bergbuch 1556.

In einer bildlichen Darstellung eines Krankenlagers für Bergleute aus dem Schwazer Bergbuch von 1556 wird die Nähe zur Kirche durch die architektonische Struktur der Säulengänge sowie eines zu vermutenden Glockenturms deutlich. Für die nichtarbeitsfähigen Bergleute wurden hier für das leibliche und auch seelische Wohl gesorgt. Die Bruderschaften finanzierten sich über den sogenannten „Büchsenpfennig“, ein jeder Knappe zahlte einen Teil seines Lohns in eine Gemeinschaftskasse. Mit dieser wurde die Versorgung der Kranken und Pflegebedürftigen in finanzieller Hinsicht sichergestellt, es wurden jedoch z.B. auch Kaplane, welche spezielle Messen für die Bergleute hielten, mit diesem Geld bezahlt (Bingener 2010, 56), oder es wurde den Hinterbliebenen, je nach finanzieller Lage der Bruderschaft, ein Auskommen garantiert (Greve et al. 2010, 24).

 

Der Begriff „Knappschaft“, welcher heute wohl am ehesten mit einem Versicherungsunternehmen verbunden wird, wandelte sich in seiner Bedeutung über die Jahrhunderte hinweg. Seinen Ursprung hat er in dem Wort „Knabe“ (Junge), so wurden zunächst nur junge Bergleute als Knappen bezeichnet, mit der Zeit jedoch alle unter Tage Arbeitenden (Veith 1870,  292). Die Gesamtheit der Bergleute bezeichnete man somit als „Knappschaft“, im 15. Jahrhundert wandelte sich die Bedeutung des Begriffs abermals. So diente er nun der Beschreibung von Organisationsformen der Bergleute, welche ihren Hauptzweck in gegenseitiger Unterstützung bei Krankheit oder Invalidität hatten. Aus den Bergbaubruderschaften wurde somit die Knappschaft. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde erstmals durch das Preußische Knappschaftsgesetz eine einheitliche Grundlage geschaffen. Von nun an waren alle Bergarbeiter pflichtversichert und sie hatten einen Rechtsanspruch auf die erbrachten Leistungen (Lauf, 1995, 20). In Deutschland hat der Begriff „Knappschaft“ die Jahrhunderte überdauert und steht seit dem 19. Jahrhundert für eine Kranken- und Pflegeversicherungsinstitution. Es lässt sich somit folgern, dass diese Knappschaften mit ihren Spitälern zur Versorgung der Geschädigten zugleich als Vorläufer der Betriebskrankenhäuser sowie der Sozial- und Krankenversicherungen gesehen werden können.

 

Es sollte jedoch bei all den Annehmlichkeiten, die das gewordene Sozialversicherungssystem in Deutschland mit sich bringt, nicht vergessen werden, dass kein System perfekt ist. Während der Beitrag für die Kranken- und Pflegeversicherung für alle Einwohner:innen prozentual vom Gehalt abhängig ist, ist die Versorgung im Krankheits- oder Pflegefall unabhängig von der Höhe der bezahlten Beiträge. Die Versicherungsleistung für Renten-, Unfall- und Arbeitslosenversicherung ist allerdings absolut beitragsabhängig. Zu den größten Problemen des Systems gehören somit die demographische Schieflage, hohe Arbeitslosenanteile und unzureichende öffentliche finanzielle Mittel. Daraus folgend liegt nach einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend beispielsweise der Anteil an Altersarmut in Deutschland bei 22,4 %. (Fey, Wagner 2021, 3)

Literatur

Bingener, Andreas: Armenkassen oder Knappschaftsbüchse? Die Goslarer Bergknappen erhalten eine eigene soziale Absicherung, in: Michael Fessner, Christoph Bartels, Rainer Slotta (Hg.): Auf breiten Schultern: 750 Jahre Knappschaft: Katalog der Ausstellung des Deutschen Bergbau-Museums Bochum, Bochum: Deutsches Bergbau-Museum Bochum 2010, S. 52 – 59.


Fey, Jonas, Michael Wagner: Das Einkommen der Hochaltrigen in Deutschland, in: Hohes Alter in Deutschland (D80+) Studie gefördert durch BMFSFJ, Kurzbericht 2, 2021.


Greve Georg, Gilbert Gratzel, Eberhard Graf: Die Knappschaft als sozialer Pfadfinder: Stationen der deutschen und europäischen Sozialgeschichte, in: Michael Fessner; Christoph Bartels; Rainer Slotta (Hg.): Auf breiten Schultern: 750 Jahre Knappschaft: Katalog der Ausstellung des Deutschen Bergbau-Museums Bochum, Bochum: Deutsches Bergbau-Museum Bochum 2010, S. 23 – 38.


Lauf, Ulrich: Die Knappschaft. Ein Streifzug durch 1000 Jahre Sozialgeschichte, Sankt Augustin 1994.


Lauf, Ulrich: Die Kranken- und Pflegeversicherung der Bergleute, Sankt-Augustin: Asgard-Verlag Hippe 1995.


Menzel, Elmar: Bergbau-Medizin einst und jetzt. Entwicklung des bergmännischen Gesundheitswesens unter Einschluß der Kranken- und Unfallversicherung, Berlin 1989.


Sahmland, Irmtraut: Anfänge des „Betriebskrankenhauses“ und erste Formen einer Krankenversicherung im 16. Jahrhundert, in: Medizinhistorisches Journal, Bd. 22 (1987), S. 28 – 47.


Trees, Wolfgang: Als der Knappe „Büchsenpfennig“ zahlte: Die Knappschaft ist fast 1000 Jahre alt – Beginn im Erzbergbau, in: Revier und Werk 42 Nr. 236 (1992).


Veith, Heinrich: Deutsches Bergwörterbuch mit Belegen, Breslau: Verlang von Wilhelm Gottlieb Korn 1870.

Autorin

Jennifer Ebersberg, Studentin der Geschichte im Master of Education.

 

Ein Kommentar

  1. Eine sehr gute Darstellung mit dem aktuellen Hintergrund der derzeitigen Entwicklung im Bereich des Arbeitsschutzes und der Vorsorge.

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